[] jules — Le VIII Pluviôse de l'an CCXXI



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[] jules — Le II Pluviôse de l'an CCXXI

Das Versagen der Melancholie.

Die Eigenart, beim lauten sich Vorlesen der Göttlichen Komödie in den Tonfall Johannes Pauls des Zweiten zu geraten.

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In der Bahn einer jungen Frau gegenüber gesessen, die mit einer Behörde telefonierte, um sich genau die Wege erklären zu lassen, die sie einhalten müsse, um Unterstützung als schwangere, alleinstehende Auszubildende zu bekommen. Nach Ende des Gesprächs lächelte sie ihre Bekannte an und überlegte laut, ob sie den Sport heute würde ausfallen lassen können; während ihre Bekannte nichts sagte, fügte sie im Ton einer Entschuldigung hinzu, dann könnten die Wunden noch etwas besser verheilen; sie stand auf und sagte weiter: Weißt Du dieses Wort, das mit dem Kopf durchbohren, Trepanage oder Trepanierung? das sollte ich irgendwann mal machen; dann verabschiedete sie sich von ihrer Bekannten und verließ die Bahn noch vor mir, der zufällig gleiche Weg nach draußen ist auch eine Form von Solidarität.

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Das politische «wir»: kleinschreiben großschreiben entankern aufheben?

Als wir noch überlegten, ob der Herr, der dort auf ein Auto zulief, der Oberbürgermeister sei, sagte sie: Es ist der Oberbürgermeister, er steigt hinten ein.

Man würde der ganzen Rotte politischer Falken, die das Leben unwegbar machen, Dantes Hölle zur Pflichtlektüre geben, wenn man nicht wüsste, dass Dante ein wenig sehr dem autoritären Charakter zuneigte.

Individualisierung durch Identifizierung durch Diskriminierung durch Quantifizierung.

Strategien zum Verbergen der Melancholie.

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[] jules — Le II Pluviôse de l'an CCXXI

[to cast:] 1. a shadow; 2. an actor.

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Gustav Mahler: Symphonie Nr. 6

[] edmond — Le XXVI Nivôse de l'an CCXXI


Vor dem Konzert lief ein junger Mann vor uns her, in schwarzer Stoffhose, der den Künstlereingang betrat.


Einmal, nachdem die Instrumente so schön zerfahren sich reihum das Hauptmotiv aus den Händen gerissen hatten, hing die Musik an nur einem seidenen Faden: 1 Querflötist und 1 Klarinettistin, die genau in der Mitte des Orchesters saßen; dann ging es zerfahren weiter.





Ich erzählte ihm von dem viel zu teuren Buch von Moriyama, The Hunter, das mich dennoch für ein paar Monate begeistern würde, es hat das Format eines kleinen Mangahefts: des billigen, des Kindermangas, den man von hinten nach vorne liest, mit einem giftgrünen Umschlag und querschlagenden Bildern darin, alle in Schwarzweiß.

Auf dem Weg zum Bahnhof kamen uns viele Leute entgegen, die auf dem Weg zu irgendeiner Cosplay-Veranstaltung oder ähnlichem waren; ich hatte davon gelesen, es würde Kurse zum Binden von Kunsthaar geben.




Die Stadt so leer am Sonntag Abend. Der Butler twittert sicher den Plot eines schlechten «Tatort», unter irgendeinem geheimen Account.

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[] edmond — Le XXIII Nivôse de l'an CCXXI

dosron: Dortmunder Reklame

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[] jules — Le XXII Nivôse de l'an CCXXI



Alter Gedanke, die Wohnung wie ein Hotelzimmer einzurichten (Schokolade auf dem Kissen, Monetbild an der Wand, das Glas auf der Serviette, die Bibel in der Schublade, warum legen Zimmermädchen eigentlich nie Das Kapital in die Lade?), vielleicht sollte ich als Reading Room, als Bibliothek das Abteil eines Intercity nehmen, der leer durch eine Landschaft fährt? Kultivieren des Deplatziertseins.



Fliegen ist digital, Zugfahren ist analog. Das letzte Mal, dass ich mit dem Zug nach Italien fuhr, begann im Augenblick des Grenzübergangs bei Bozen auf meinem, ja: Walkman gerade Carlos Gardel, «Silencio en la noche. | Ya todo está en calma», während ich im Morgengrauen den Vorhang etwas beiseitezog, vorsichtig, um die anderen nicht zu wecken, ich selbst konnte nicht schlafen: Schlagbäume, Zöllner, Autos, die um die Zeit grundsätzlich billig aussehen, Regenpfützen, Schranken.



Zuglektüre, Handnotizen gleich in die Seiten. «The photographic image, which is only apparently an image of the World, is perhaps anterior by right to logic, which is, in effect, indeed an image of the World (Wittgenstein).» [François Laruelle, The conception of Non-Photography.] Die Erfindung der Fotografie zur Zeit der blinden Wissenschaften: das flache Denken, die égalité des Details, dann die Radierungen der Jules-Verne-Zeit: jeder gezeichnete Zug eine Parallele ohne Tiefe, das Papier nie abgestuft, nie malerisch wägend, stets benennbar schwarz oder weiß, — der flache, blinde, automatische Gedanke.









Ein Foto, nicht wiederzufinden, von einem Autobahnzubringer Richtung New York City, das den Mythos zur Rückkopplung führt: es läge die Wahrheit der Städte an ihrer Schwelle: den Zubringern, den Bahnhöfen: hat Laruelle nicht gleichzeitig recht und unrecht? Dass das Fotografieren ein Akt des Körpers ohne Organe sei — es ist wahr, der Blick durch den Sucher ist nur Dreingabe zur Bewegung des Körpers, das einzelne Bild der Welt gegenüber so autonom wie jedes andere der hundert Bilder, so autonom wie schon das Auslösen den Bildern gegenüber, man muss kaum durch den Sucher blicken, man muss sich an den Dingen vorbeibewegen, sie wie in einer Tauschkette weiterklicken, bis sie nur noch vorhanden sind, man betrachtet einen Papierkorb nicht, indem man ihn anschaut, sondern stadtüblich achtlos an ihm vorbeigeht, man betrachtet die Ortsunkundigen, indem man sie ortskundig ignoriert, und die Ortskundigen, indem man sie tölpelhaft nach der U-Bahn-Linie fragt, jedes Gespräch voller Sätze, die zum Vorwand Inhalt haben, man ist da, indem man sich bewegt, indem man sich geriert, indem man sich besucht & anlächelt, indem man über Dinge spricht & miteinander Wein trinkt, man will anschauen und Sätze bilden, die nur dann präzis sind, wenn sie sich an dem, was ist, präzis vorbei bewegen, und das Einzige, worin die Bilder von solchen Augenblicken zeugen, ist ihr demokratischer Tanz.





Hans erhält als Lohn für sieben Jahre Arbeit einen kopfgroßen Klumpen Gold. Diesen tauscht er gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gibt er für einen Schleifstein mitsamt einem einfachen Feldstein her. Er glaubt, jeweils richtig zu handeln, da man ihm sagt, ein gutes Geschäft zu machen. Von Stück zu Stück hat er auf seinem Heimweg scheinbar weniger Schwierigkeiten. Zuletzt fallen ihm noch, als er trinken will, die beiden schweren Steine in einen Brunnen. „So glücklich wie ich, rief er aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne‘. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“

Jeder Blick, jedes Bild, jeder Augenblick des Auslösens eine Affirmation, ein Molly-Bloom-«yes I said yes», ein Cartier-Bresson-«yes yes yes», eine Schlichtheit, égalité jeder einzelnen Figur, jedes einzelnen Akts von Neugier.


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[] jules — Le XXII Nivôse de l'an CCXXI











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Süden

[] jules — Le XX Nivôse de l'an CCXXI









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Mood Indigo

[] edmond — Le XIV Nivôse de l'an CCXXI

Dieses Jahr ausführlich Thomas Bernhard gelesen. Die Auslöschung begann gleich mit langen, an Wiederholungen und Ausuferungen reichen Sätzen, die von keinem Absatzwechsel unterbrochen wurden; ich hatte bisher einen Bogen um Bernhard gemacht, weil mir das Dauergrantige suspekt war; erstaunlich ist, dass man zwar, im Maßstab eins zu eins, das Granteln so bekommt wie erwartet, der Text darunter aber doch ein sanfterer ist:

der des beiläufig eingefügten Sequenzwechsels anstelle eines Absatzes, knapper und genauer als erwartet: als könnte man plötzlich das Schweigen von jemandem neben sich wahrnehmen, der ein Papier glattstreicht.

Mitten in einer Suada trennt ein schlichter Punkt den vorherigen Satz vom nächsten, das Thema geht in ein anderes über, wie über eine Schwelle tretend, einen Schalter, als federnder Schritt; der Erzähler der Auslöschung tritt aus seinem römischen Palazzo, geht in die Stadt hinunter, nachdem er erfahren hat, dass seine Eltern und sein Bruder ums Leben gekommen seien.


Zu Beginn dieses Jahres war mein Vater gestorben. Ich hatte eine Wohnung aufgelöst, hatte ganze Geschirrsets mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, war ziellos über die Einkaufsstraße gegangen, hatte zugesehen, wie sie Kaufhäusern die alten Fassaden abnahmen; die Geschichte, die sich ja immer auch über meine Eltern in diese Stadt hineingeschrieben hatte, war in dieser Form zuende.

Zur Trauerfeier sah ich einige Freunde meines Vaters wieder, einer schenkte mir ein Foto aus dem Restaurant, in dem sie zusammen gearbeitet hatten; die Gardinen vor dem großen Fenster, hier Tische mit Stoffservietten, dort Fassaden mit verrußtem Putz. Der Kellner, der aus Überzeugung zum weißen Hemd eine Fliege trug, hatte zeitgleich in einer Fabrik gearbeitet und ging später mit zwei gebrochenen Händen in Rente.

Roland Barthes über das Haiku gelesen, über Cy Twombly, den Tod des Autors. Handkes Großer Fall. Laruelle gelesen und auf Diaspora mit Günter Hack diskutiert: dass Fotografie in der Bewegung des eigenen Körpers zur Welt verwirklicht sei. Endlich Monsieur ligneclaire getroffen, den Umblätterer, Haiko Hebig, schöne Abende verbracht (& wie lange ist es her, dass man über kennengelernte Blogger auf diese Weise noch Buch geführt hat); vieles an Fotografie gesehen: Moriyama, Araki, Takanashi; Friedlander, Winogrand, Robert Frank.

Lieblingsbuch: Brad Zellar, Conductors of the Moving World — die Fotografien des japanischen Verkehrsinspektors Eizu Ota auf Studienreise in San Francisco, jeweils per Hand zwischen die Zufallstexte der Bücher eingeschoben, in jedem Buch eine andere Auswahl; so das Bild vom Astronautenanzug, mit den Spiegelungen im Sichtglas wie eine komprimierte Inventur des Raumes.

Nicht nach Paris gefahren, nicht nach Amsterdam.

Dass ausgerechnet ein Grünbein-Text mich an Celan erinnern muss, dem das Übersetzen wesentlich war: jedes neue Wort eine diskrete Geste, sich selber fremd, eine Absage an Besitz an diesem Wort, wider die Wortverfügungsgewalt, die Worthabhaftwerdung, wider das Bannen von Identität.

«Personenbeschreibung verfassen: Wie es Ihr Kind ganz einfach lernt»
«Tipps für die Personenbeschreibung in der Schule. Am Beispiel von Georg Heym»

Integrationsverweigerer, so wie früher Wehrdienstverweigerer. Im «Tatort» tragen sog. Ausländer den Schnauzbart, in der Talkshow sog. Deutsche. Was soll schon Integrieren sein, und was in was. Ich gehe unbeholfen in Läden, am liebsten gleich in Kaufhäuser, um mich nicht in Gespräche mit Verkäufern verwickeln zu lassen, Integrationsgespräche in den Warenkreislauf, la règle du jeu.

Eine Mutter führt ihren Sohn zum Herrenausstatter [man soll Dir ansehen können, dass Du Materialscheine und Quittungen ausfüllen musst, und Direktorium hat nichts mit Revolution zu tun]. Der Verkäufer steht mit der Frau an einer Stange voller Anzüge, schiebt die Brille runter wie ein Verkäufer, und während der Vorhang der Umkleide hin- und herraschelt, fragt er, ob der Sohn Hemden benötige. Der Sohn taucht halb hinter dem Vorhang auf, in Bügelfalten und auf Socken, und schlägt seiner Mutter nervös vor, doch erst Schuhe kaufen zu gehen.

Goncourt kauft sich eine Hose und geht mit seinem Butler essen. Einmal ging ich zu einem sog. Maßkonfektionsschneider, ich stand im ersten Stockwerk an einer breiten Fensterfront, mit Ausblick auf den Platz draußen, auf dem ein paar Jugendliche sich auf die große Plastik setzten, Kunst am Bau; die Angestellte zog mir eine Musterjacke über und nahm Maße auf, die sie versuchte, in den Computer einzugeben, aber die Buttons (länglich, grau, Times New Roman, simulierter Schattenwurf) funktionierten nur jedes zweite Mal.

Sommer I. Eines Abends hatte ich mit S. auf dem Balkon gesessen und nach langer Zeit wieder Schach gespielt. Einer der wenigen wirklichen Sommerabende, als das Licht fast im Vorbeigehen dunkler wurde und Kerzen angezündet werden mussten, um die Figuren noch zu sehen; wir hatten einen großen Teller mit unserem Abendessen hingestellt, kaum zwei Meter von uns entfernt ein großer Baumwipfel voller Vögel, die erst zeterten, später schliefen, die Fenster, Balkone der Nachbarn, mit Sicht bis auf den Kirchturm im Zentrum der Stadt.

Sommer II. Die Tankstelle an der autostrada in Apulien, nach einem langen Ausflug nach Trani und Castel del Monte; wir öffneten den Wagen, und während Tochter und Enkel meiner Cousine im Laden verschwanden, warfen wir beiden heimlich die Weintrauben fort, die meine Tante uns eingepackt hatte, schuldbewusst, verrieten auch nichts den andern, als sie wiederkamen; als meine Cousine mir gestand, dass sie wie ich schon in der Schulzeit die mitgebrachten Butterbrote immer so hatte verschwinden lassen, hat uns das laut auflachen lassen.

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Der späte Duke Ellington: Money Jungle, die New Orleans Suite: wie jung und modern er hier ist, diese lose Verteilung von Klangfarben, jeder Ton hat Gewicht, kein Ton ist schwer: als stünde man auf einer Bellevue mit abendlichem Blick auf die Metropole; und würde dann, müde und wach zugleich, die Treppe hinabsteigen in die Straßen der Stadt.


Einübungen in Gelassenheit: gelingt fast nie, jede Klausel des every day life eine Totalität für sich, eine Taschentotalität, Etui-Mensch bleiben, im laufenden Fließtext immer wieder Formularfelder, Eingabefelder, Clickbuttons: man müsste das alles ineinsbringen: inmitten der Monomanie, der Ausfüllerei, Buttonklickerei, Twitterwitzelei diskrete Punkte setzen, über die Deine Suadas und Smalltalks geräuschig hinweggleiten; Schwellen von einer Genauigkeit, dass man meinen könnte, der Text wäre insgesamt dennoch ein einziges Schweigen gewesen, eine Spur Unübersetzbarkeit, eine einzige Diskretion.

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[] jules — Le XII Nivôse de l'an CCXXI

Erstmals hier im Viertel einen Stadtrundfahrtbus gesehen. Vorne die Reiseführerin mit dem Mikrofon, die auf die teils abgeblätterten, teils abenteuerlich gestrichenen Fassaden zeigte, auf die Fenster leerstehender Wohnungen, den Verkehr, die Bäckerei mit den Broten vom Vortag, die Kioske, das Druckereischild über der Garageneinfahrt, die an Mauern angebrachten Kaugummiautomaten, den leerstehenden Dönergrill, den Afrofriseur, die Gruppen junger Männer vor dem Spielcasino; dieser Ausblick wahrscheinlich untermalt von einem Reiseführertext über das Herkunftsviertel des Deutschen Meisters und die Pommesbude, in der er der Überlieferung nach gegründet worden sei; konzentriert hörten ältere Frauen ihr zu, die mit ihren Blicken zu ahnen versuchten, wohin die Hand der Reiseführerin wies, wenige Männer, darunter auf dem letzten Sitz ein — vermute ich — Geschäftsmann mittleren Alters in Hemd und Krawatte, auch er nach vorne gebeugt, zuhörend, hinausschauend, zur Führerin blickend, aufmerksam nachvollziehend, was immer sie zu all dem erzählte.

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[] edmond — Le XII Nivôse de l'an CCXXI







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[] edmond — Le XII Nivôse de l'an CCXXI

Cargo: Was vom Jahr bleibt

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