Sociological Images: Segregation in Washrooms



Ein junges Paar vor Gate 80, das ein wenig aussieht wie studierende Kirchentagsbesucher, trägt trotz herrschender Kälte kurze Hosen; ihnen beiden sind die Gesichter eines möglichen zukünftigen Großelternpaares schon eingeschrieben: in freundlicher Fremdheit in der Schlange stehend, wobei offensichtlich er dafür zuständig ist, Dinge zu erklären, und sie, sich Dinge erklären zu lassen, vielleicht nur, weil sie ihn mag, wenn er etwas erklärt, und eher nicht, weil sie der Erklärungen bedarf; er erklärt: warum die Innenbeleuchtung des Flugzeuges zeitweise gedimmt wird (damit die Pupillen zur besseren Sicht sich weiten können), warum das Handy ausgeschaltet bleiben muss (damit der Funkverkehr nicht gestört wird); er hat sich am Zeitschriftenschalter das «Manager-Magazin» gekauft.
Während des Fluges sitzen sie neben mir. Der Mann (ich hätte auch schreiben können: «der Junge», oder: «der Großvater») schiebt das «Manager-Magazin» ins Netz mit den Worten: «Etwas döflich, diese Zeitung.» Dann liest er in einem Buch mit der Kapitelüberschrift «Gott ist das unendliche Warten auf ein anderes Morgen» weiter.
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Wieder der Antonioni-Blick, der Reiseblick, Professione: Reporter. Nicholson ersteigt mit schwerem Koffer die Stufen zum Hotel, in dem er ein Zimmer reserviert hat; ein älterer Mann empfängt ihn auf der Etage und sagt, dass er ihn zur Rezeption begleitet, dann führt er ihn die Treppen runter, auf die Straße und einmal um den Block. Man grüßt den Alten in den Bars — Ciao Bruno! —, er betritt mit ihm ein Haus, auf dem der gleiche Name des Hotels wieder steht, nur jetzt mit einer angefügten «2». Kein Zimmer frei. Also gehen sie eine Etage höher, wo ein Portier sein Bett neben einen Holztisch gestellt hat. Was Nicholson gut kann, ist, resigniertes Begreifen darzustellen; er spielt noch etwas Detektiv («Okay, ich bekomme das gleiche Zimmer? Für den gleichen Preis? Welchen Preis haben Sie mir denn geboten?»), und es passt zu einem Drehbuch von Antonioni, dass das Handy, mit dem Nicholson das richtige Hotel dann anrufen will, im Display die Botschaft «Nur Notrufe» anzeigt, das Hotel für ihn unerreichbar. Wie Nicholson dann auf die Straße tritt, nachdem der Alte und der Portier sich beleidigt geben, der Alte sogar zornig als erster weggegangen ist, womöglich erneut, um vor dem anderen Hotel als Abschlepper herzumzuspuken, wie der Portier nur unwillig nochmal die Tür öffnet, um Nicholson das schwarze Notizbuch rauszuhalten, dass dieser auf dem Tisch vergessen hat, sind ebenso Teil des sich nur vorwärts weiterblätternden Drehbuchs. Die Unfähigkeit sowieso Antonionischer Figuren, an einem früheren Punkt neu wieder anzufangen, statt einfach weiter über die Leinwand zu laufen: schlicht irgendein anderes Hotel zu betreten, ohne dass das erste Hotel oder die Reservierung noch einmal in der Geschichte erwähnt wird.
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Und auch das: auf einer Zeitungsseite die Schlagzeile: «Scoperta la fabbricca delle etichette false» (Fabrik der falschen Etiketten ausgehoben) mißzuverstehen (Fabrik der falschen Etikette ausgehoben), wobei das Foto mit den Carabinieri in den Schusswesten eine wilde Beziehung zwischen Benimmschulen, Etiketten, Mafia-Generösität und Angeboten, die man nicht ablehnen könne, auslöst, statt einfach nur eine Fälscherwerkstatt für Weinschildchen zu meinen.




Die Widerständigkeit Roms: der Vespafahrer, der dem Fußgänger vor dem Bordstein den Weg abschneidet, so dass er seinen Koffer über die höhere Kante heben muss, die Bahnsteige hinter Labyrinthen von Treppen, die Busumleitung, zu der man zufuß weiterziehen muss, weil die Metrostation vor dem letzten Halt gesperrt ist, die Massen der nachdrängenden Buspassagiere, der stets präsente Stoizismus noch der hektischsten Römer: der Mann mit der Zeitung: er ruhig, das Papier zittrig: die ältere Dame, die die Straße überquert: schnell, um nicht unter den Bus zu geraten, mit dem immer wieder umkippenden Trolley, den sie erfolgreich kämpfend auf die andere Seite rettet und weitergeht, als wäre nichts gewesen: mit ihrem Kleid, ihrer Post-Via-Veneto-Eleganz, ihren jeder Beschwerlichkeit trotzenden, schönen Schuhen.

Durch die Berge die große Überfahrt.

Es hat kaum noch etwas von einer Reise an sich, ich könnte mich eher unter die Pendler zählen, und mehr noch als das Bleiben macht mich das Pendeln zu einem von hier; die Busfahrer kenne ich fast mit Namen, die Raststätte durchquere ich blind und betrachte die anderen als Touristen.


Es stellt sich nicht einmal mehr das Wahrnehmen epischer Veränderungen ein, wenngleich ich die Zunahme an Häusern, Lagerhallen, Kreisverkehrsrotunden, Fremden registriere; am Ortseingang hat ein Chiosco eröffnet, die Leute der Nachbarschaft trinken unter Lampions alkoholische Getränke.
Nachdem wir gemeinsam gegessen haben, sitzen wir ein wenig auf der Terrasse vor dem Haus, registrieren die Mutation der nachtaktiven, schwarzen Mücken zu abendaktiven, nach Sättigung zu Bett gehenden Tigermücken, während vom Dorf jenseits des Tals das Orchesterfinale aus «Spiel mir das Lied vom Tod» herüberdringt.
[Ich vermisse den Wagen, über dessen Lautsprecheranlage die Messe der Dorfkirche ausgeschallt wird.]



















