
Dieses Jahr ausführlich Thomas Bernhard gelesen. Die Auslöschung begann gleich mit langen, an Wiederholungen und Ausuferungen reichen Sätzen, die von keinem Absatzwechsel unterbrochen wurden; ich hatte bisher einen Bogen um Bernhard gemacht, weil mir das Dauergrantige suspekt war; erstaunlich ist, dass man zwar, im Maßstab eins zu eins, das Granteln so bekommt wie erwartet, der Text darunter aber doch ein sanfterer ist:
der des beiläufig eingefügten Sequenzwechsels anstelle eines Absatzes, knapper und genauer als erwartet: als könnte man plötzlich das Schweigen von jemandem neben sich wahrnehmen, der ein Papier glattstreicht.
Mitten in einer Suada trennt ein schlichter Punkt den vorherigen Satz vom nächsten, das Thema geht in ein anderes über, wie über eine Schwelle tretend, einen Schalter, als federnder Schritt; der Erzähler der Auslöschung tritt aus seinem römischen Palazzo, geht in die Stadt hinunter, nachdem er erfahren hat, dass seine Eltern und sein Bruder ums Leben gekommen seien.


Zu Beginn dieses Jahres war mein Vater gestorben. Ich hatte eine Wohnung aufgelöst, hatte ganze Geschirrsets mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, war ziellos über die Einkaufsstraße gegangen, hatte zugesehen, wie sie Kaufhäusern die alten Fassaden abnahmen; die Geschichte, die sich ja immer auch über meine Eltern in diese Stadt hineingeschrieben hatte, war in dieser Form zuende.
Zur Trauerfeier sah ich einige Freunde meines Vaters wieder, einer schenkte mir ein Foto aus dem Restaurant, in dem sie zusammen gearbeitet hatten; die Gardinen vor dem großen Fenster, hier Tische mit Stoffservietten, dort Fassaden mit verrußtem Putz. Der Kellner, der aus Überzeugung zum weißen Hemd eine Fliege trug, hatte zeitgleich in einer Fabrik gearbeitet und ging später mit zwei gebrochenen Händen in Rente.

Roland Barthes über das Haiku gelesen, über Cy Twombly, den Tod des Autors. Handkes Großer Fall. Laruelle gelesen und auf Diaspora mit Günter Hack diskutiert: dass Fotografie in der Bewegung des eigenen Körpers zur Welt verwirklicht sei. Endlich Monsieur ligneclaire getroffen, den Umblätterer, Haiko Hebig, schöne Abende verbracht (& wie lange ist es her, dass man über kennengelernte Blogger auf diese Weise noch Buch geführt hat); vieles an Fotografie gesehen: Moriyama, Araki, Takanashi; Friedlander, Winogrand, Robert Frank.
Lieblingsbuch: Brad Zellar, Conductors of the Moving World — die Fotografien des japanischen Verkehrsinspektors Eizu Ota auf Studienreise in San Francisco, jeweils per Hand zwischen die Zufallstexte der Bücher eingeschoben, in jedem Buch eine andere Auswahl; so das Bild vom Astronautenanzug, mit den Spiegelungen im Sichtglas wie eine komprimierte Inventur des Raumes.

Nicht nach Paris gefahren, nicht nach Amsterdam.
Dass ausgerechnet ein Grünbein-Text mich an Celan erinnern muss, dem das Übersetzen wesentlich war: jedes neue Wort eine diskrete Geste, sich selber fremd, eine Absage an Besitz an diesem Wort, wider die Wortverfügungsgewalt, die Worthabhaftwerdung, wider das Bannen von Identität.
«Personenbeschreibung verfassen: Wie es Ihr Kind ganz einfach lernt»
«Tipps für die Personenbeschreibung in der Schule. Am Beispiel von Georg Heym»
Integrationsverweigerer, so wie früher Wehrdienstverweigerer. Im «Tatort» tragen sog. Ausländer den Schnauzbart, in der Talkshow sog. Deutsche. Was soll schon Integrieren sein, und was in was. Ich gehe unbeholfen in Läden, am liebsten gleich in Kaufhäuser, um mich nicht in Gespräche mit Verkäufern verwickeln zu lassen, Integrationsgespräche in den Warenkreislauf, la règle du jeu.
Eine Mutter führt ihren Sohn zum Herrenausstatter [man soll Dir ansehen können, dass Du Materialscheine und Quittungen ausfüllen musst, und Direktorium hat nichts mit Revolution zu tun]. Der Verkäufer steht mit der Frau an einer Stange voller Anzüge, schiebt die Brille runter wie ein Verkäufer, und während der Vorhang der Umkleide hin- und herraschelt, fragt er, ob der Sohn Hemden benötige. Der Sohn taucht halb hinter dem Vorhang auf, in Bügelfalten und auf Socken, und schlägt seiner Mutter nervös vor, doch erst Schuhe kaufen zu gehen.

Goncourt kauft sich eine Hose und geht mit seinem Butler essen. Einmal ging ich zu einem sog. Maßkonfektionsschneider, ich stand im ersten Stockwerk an einer breiten Fensterfront, mit Ausblick auf den Platz draußen, auf dem ein paar Jugendliche sich auf die große Plastik setzten, Kunst am Bau; die Angestellte zog mir eine Musterjacke über und nahm Maße auf, die sie versuchte, in den Computer einzugeben, aber die Buttons (länglich, grau, Times New Roman, simulierter Schattenwurf) funktionierten nur jedes zweite Mal.

Sommer I. Eines Abends hatte ich mit S. auf dem Balkon gesessen und nach langer Zeit wieder Schach gespielt. Einer der wenigen wirklichen Sommerabende, als das Licht fast im Vorbeigehen dunkler wurde und Kerzen angezündet werden mussten, um die Figuren noch zu sehen; wir hatten einen großen Teller mit unserem Abendessen hingestellt, kaum zwei Meter von uns entfernt ein großer Baumwipfel voller Vögel, die erst zeterten, später schliefen, die Fenster, Balkone der Nachbarn, mit Sicht bis auf den Kirchturm im Zentrum der Stadt.

Sommer II. Die Tankstelle an der autostrada in Apulien, nach einem langen Ausflug nach Trani und Castel del Monte; wir öffneten den Wagen, und während Tochter und Enkel meiner Cousine im Laden verschwanden, warfen wir beiden heimlich die Weintrauben fort, die meine Tante uns eingepackt hatte, schuldbewusst, verrieten auch nichts den andern, als sie wiederkamen; als meine Cousine mir gestand, dass sie wie ich schon in der Schulzeit die mitgebrachten Butterbrote immer so hatte verschwinden lassen, hat uns das laut auflachen lassen.
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Der späte Duke Ellington: Money Jungle, die New Orleans Suite: wie jung und modern er hier ist, diese lose Verteilung von Klangfarben, jeder Ton hat Gewicht, kein Ton ist schwer: als stünde man auf einer Bellevue mit abendlichem Blick auf die Metropole; und würde dann, müde und wach zugleich, die Treppe hinabsteigen in die Straßen der Stadt.


Einübungen in Gelassenheit: gelingt fast nie, jede Klausel des every day life eine Totalität für sich, eine Taschentotalität, Etui-Mensch bleiben, im laufenden Fließtext immer wieder Formularfelder, Eingabefelder, Clickbuttons: man müsste das alles ineinsbringen: inmitten der Monomanie, der Ausfüllerei, Buttonklickerei, Twitterwitzelei diskrete Punkte setzen, über die Deine Suadas und Smalltalks geräuschig hinweggleiten; Schwellen von einer Genauigkeit, dass man meinen könnte, der Text wäre insgesamt dennoch ein einziges Schweigen gewesen, eine Spur Unübersetzbarkeit, eine einzige Diskretion.
