[] edmond — Le VI Ventôse de l'an CCXXXIV

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[] edmond — Le III Ventôse de l'an CCXXXIV

[Unten die leere, stille Straße mit einer feinen Regenschicht. Mit Blick auf Dein Foto, Musik hörend, Gesangsstimmen lauschend, die What’s going on singen; seit Corona schafft meine eigene Stimme manche Töne nicht mehr. Das ist mir erst in den letzen Jahren aufgefallen, wie sehr ich bestimmte Stimmen mag, gestern hatte ich deshalb einem unbekannten Mann in der S-Bahn lange zugehört. Ich muss auch an Lucia Ronchettis Leopardi-Stück vor zwei Jahren denken: vier oder fünf Jungen- und Herrenchöre singen über die Einsamkeit, Laienchöre darunter, ältere Herren in Hemden, jüngere Computernerds in Troyern, Kinder, die vielleicht das erste mal mit Neuer Musik in Berührung kamen; – das Stück jetzt hat allerdings damit nur wenig zu tun: eine Marvin-Gaye-Coverversion von Odisee und seiner phantastischen Band, die während der Pandemie in Socken in einem mit Teppichen ausgelegten Wohnzimmer dieses Stück aufnahmen, mit der gesampleten Version von Les McCann im Hintergrund: das ist keine Musik, die Du je gehört hast.

Ich muss an Deinen Enkel denken, der Dir ähnelt, er hat Deine Freundlichkeit geerbt; ich hoffe, Du hast es gemerkt, als er an Deinem Bett war.]

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[] edmond — Le I Ventôse de l'an CCXXXIV

[Zwei Bilder von Müllmännern im Feierabend: 1. Der Müllmann, der in der Bäckerei an einem Tisch am Fenster sitzt, den Kopf aufgestützt vor seinem Kaffee, stumm in die Leere blickend, die draußen vorbeiziehende Menge der Passanten nicht beachtend. 2. Der Müllmann auf der Domplatte, der, mit dem Rücksack zu Fuß auf dem Weg nachhause, eine Mülltonne in die Ecke tritt, die sich durch den Wind nach vorne segelnd verselbstständigt hat: Geste der Sorgfalt, der Würde.]

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[] edmond — Le I Ventôse de l'an CCXXXIV




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[] edmond — Le I Ventôse de l'an CCXXXIV

[Köln, am Morgen nach Altweiberfasching: Zwei junge Leute, Ordner, machen ein Foto von dem einen Graffiti auf den schwarzen Holzwänden, die den Eingang zur U-Bahnstation vor den Jecken schützen soll, und überpinseln es dann sorgfältig wieder schwarz. Es folgen fünf weitere Karnevalstage.]

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[] edmond — Le XVIII Pluviôse de l'an CCXXXIV

It’s not my kind of music but I love the way you’re fond of it. [Hatte ich irgendwo auf Mastodon geschrieben; ich glaube nicht, dass das von mir ist. Nicht dazu geschrieben hatte ich, woran ich dachte: Ich komme seit ein paar Wochen abends an einem Mann vorbei, der in der Kälte seinen Schlafsack, seine wenigen Dinge und seinen Ghettoblaster um sich ausbreitet, in einer Nische des Hotels oder der Fußgängerzone. Er dreht sein Musikgerät laut auf, türkischen Pop, den er leidenschaftlich hört, und dreht sich zum Einschlafen der Häuserwand zu. Ein paar mal habe ich ihm Geld gegeben, worauf er sich mit aneinandergelegten Händen vor dem Gesicht bedankte; vielleicht ist er so alt wie ich. Obdachlos, ohne Wohnung; irgendwo muss er den Ghettoblaster aufladen können, vielleicht arbeitet er irgendwo.]

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[~]

[] edmond — Le X Nivôse de l'an CCXXXIII

[Die Ausstellung von Francis Alÿs, dessen Filme auf der Straße spielender Kinder mich manchmal aus irgendeinem Grund an Chris Marker erinnert haben, obwohl es keine Stimme gibt, die aus dem Off meditiert. | Musikalisch Ungleichzeitiges gleichzeitig: Luc Ferrari, Neneh Cherry, Morton Feldman, Flying Lotus, James «Blood» Ulmer, Can. Offenes, konzentriertes Hören, vielleicht eine Nachwirkung des Bach-Konzerts von Herreweghe im Frühjahr: Die Verwendung historischer Instrumente vormoderner Orchester – die wohl kleiner besetzt waren, mit mehr Holz- anstelle von Blechbläsern – hatten einen eigenen, weichen, genauen Sound. Bei Herreweghe und auch später bei Cambreling, dem Dirigenten des Lachenmann-Konzerts, musste ich daran denken, wie sehr ich diese Figur des freundlichen, unprätenziösen Dirigenten mag. | Musik: Irgendwann in Erinnerung an eine Debussy-Schallplatte, die es nicht mehr gibt, versucht, die Varianten der Klavierstücke durchzuhören auf der Suche nach einer Aufnahme, die dieser Erinnerung am nächsten kommt: Nicht zu weich, nicht zu verschwommen, sondern präzise. Dabei der Wechsel von Variante zu Variante der gleichen Stücke wie ein Schwellenübertritt, hinter dem sich irgendwo ein musikalisches Werk zusammensetzt aus Pollini, Zimmerman, Uchida, Kocsis, Yoshikawa, Siruguet, Benedetti, Ashkenazi, Bavouzet. (Ich glaube, in The Glass Key von Hammett unterhält sich der Protagonist mit dem Gefängniswärter, mit dem er Karten spielt, über Mozartvarianten.) | Lektüre: Der Beryll. Und der Besuch beim beryllverkaufenden Mineralogen. | Lektüre: Joan Didion: Demokratie, Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten. | Eine Erscheinung: Dass ausgerechnet das Büro von Oswald Egger, den ich lese, mir das bestellte Buch von Suzanne K. Langer schickt, von dem ich entdecke, dass es von einem Freund aus Unizeiten mitübersetzt worden war (& gleichzeitig taucht ein gemeinsamer Freund aus Blogzeitteen kurz & genau in dem Moment auf Mastodon auf, als ich diesen Zufall entdecke). | Der italienische Zeichner Gipi. Die schönen Mangas von Tanyo Matsumoto: Tokyo dieser Tage. Ich habe seit langer Zeit mehrere Zeichenblöcke & Skizzenbücher wie Talismane auf dem Tisch liegen und unbenutzt die Bleistifte dazu. | Zwei Besuche, auf die ich mich gefreut hatte, beide ausgefallen, weil ich erkrankt war. | In der Biografie Otto Neuraths von Günther Sandner festgelesen. Der Optimismus dieses marxistischen Demokraten, der das Rote Wien überaus konkret mitgeprägt und die demokratische Visualisierung von Wissen verändert hat. ~ Sein Konzept der «Einheitswissenschaft» als das eines späten Enzyklopädisten am Vorabend des Faschismus. Alle wissenschaftlichen Forschungsarbeiten sollen grundsätzlich miteinander kombinierbar sein. «Die Enzyklopädie wird wie eine ‹Zwiebel› aufgebaut werden. Um diesen Kern von zwei Bänden wird sich eine erste Schale weiterer Bände legen, die wie der ein in sich geschlossenes Ganzes bilden sollen.» (Die neue Enzyklopädie, in: Schulte/McGuiness, Einheitswissenschaft, Suhrkamp 1992, S. 210). – Die «Protokollsätze» des Wiener Kreises, deren positivistischer Dogmatik Neurath skeptisch gegenüber stand, aber sich an den Diskussionen beteiligend: Die Idee eines Realismus in Notaten – wie die Soundcollagen von Luc Ferrari, auf die ich vor kurzem gestoßen bin, fast ein Fotografie-Ersatz mit der Diskretion des Passanten. Neurath weicht von den Positivisten des Wiener Kreises ab, weil er sich den Notierenden selbst, dessen Aufnahme, Handbewegung, Geste, mit anschaut, der Teil der Geschichte bleibt. | Ich hätte selbst nicht wirklich erwartet, dass mich Logik irgendwann mehr als oberflächlich beschäftigen würde. Vielleicht aus dem Bedürfnis, Zusammenhänge und Widersprüche analysieren, wieder benennbar machen zu können – gegen das Hacken der Systeme, gegen den zunehmenden Überhang von Bildern, die aus statistischen Oberflächen, den Schnittmengen verbrauchter Bilder zu bestehen scheinen. (Logik ist natürlich auch eine Oberfläche, aber eine präzise: Keine Tatsachenbuchung ohne Beleg.)] | Ausblick auf Jahre, die nicht besser werden. An den gramsci-ähnlichen, hartnäckigen, pragmatischen Optimismus Neuraths denken. «Wie Schiffer sind wir, die auf offenem Meer ihr Schiff umbauen müssen, ohne je von unten frisch anfangen zu können. Wo ein Balken weggenommen wird, muß gleich ein neuer an die Stelle kommen, und dabei wird das übrige Schiff als Stütze verwendet. So kann das Schiff mit Hilfe der alten Balken und angetriebener Holzstücke vollständig neu gestaltet werden – aber nur durch allmählichen Umbau.» (Neurath, Anti-Spengler, S. 184, nach Sandner)

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[Brcknr]

[] edmond — Le IX Nivôse de l'an CCXXXIII



[Bruckners Achte. Ich habe darauf geachtet, nicht den Einsatz der beiden ganz hinten in der Mitte zu verpassen, die während der ganzen anderthalbstündigen Symphonie stoisch dort saßen. Am Ende des 3. Satzes erhoben sie sich, der Große mit dem Becken, der Kleine mit der Triangel. Der Große breitete seine Becken aus, streckte den Brustkorb, konzentriert & nervös, dann schlug er den Tusch! Präzis zeitgleich der Kleine die Triangel. Zweimal. Dann setzten sie sich wieder, für den Rest der Symphonie.]


[Leopardis Ginster, Epikurs Garten.]

Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster Garten. Wenn ich ihn morgens früh vom Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen jeden zweiten Morgen aufräumen), tut er mir leid, daß er so unbesorgt daliegen muß, und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und ihn zu pflegen.

[Robert Walser, Jakob von Gunten, S. 83]

[In Biografien wird die Unsicherheit Bruckners beschrieben – das kann man auch aus anderen Künstler-Tropen ziehen, ist aber vielleicht doch spezifischer beschreibbar als ein halbimaginäres Wechselspiel: Er komponiert auf ein Publikum hin, das er sich vorstellt & das sich ihm entzieht. Die Nicht-Reaktion des Publikums: das Schweigen, das er interpretieren muss: Er verändert seine Musik, weil das imaginäre Publikum bestimmt recht hat, verändert die Musik in eine Richtung, die er dem Publikum als Erwartung unterstellt.

Wenn die Reaktion weiter ausbleibt, musst Du das Ganze eben noch mal schreiben: nüchterner, mit Regeln, die unangreifbarer, anders herum sind: Du hast das Neue, das entsteht, nicht vorgehabt. In der ersten Version der achten Symphonie endet schon der erste Satz wie das Finale einer Sonntagsmatinee, was ihm vielleicht eine kaum beschreibbare Härte gibt: da sich das in den nächsten Sätzen wiederholt, ist das Ganze wie ein Kreis, der hierher zurückkommt (je zerfahrener die Musik, desto bestimmter enden die Sätze) – Als der befreundete Dirigent entsetzt den Mund aufmacht, verwirft er das, baut ein völlig anderes Gerüst, vagabundiert in vermeintlichen Erwartungen, Regeln, Formularen. Entfernt sich eventuell sogar noch mehr.]




(Sich das vorstellen: nicht als das Narrativ eines berühmten Komponisten, sondern als die Entstehung eines souveränen Angestellten, der im Büroalltag für den neuartigen Stil seiner Geschäftskorrespondenz zunächst gerügt, dann aber geschätzt, schließlich bewundert wird: Die subtile Verve in zwei, drei Feststellungen, nüchtern und genau, Markpunkte setzend so, dass der geschäftliche Adressat oder die Vorgesetzte unwillkürlich noch in der S-Bahn nachhause an den einen oder anderen Satz aus der E-Mail denkt.)

«Ich habe», sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, «den andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft.» (S. 155)




Neben seiner Liebe zu formalen Dingen versuchte er, ohne je Not gelitten zu haben, zusätzliche materielle Sicherheit durch viele Examina, Zeugnisse und Empfehlungsschreiben zu gewinnen. Bis weit ins Erwachsenenalter hinein war sich Bruckner seiner musikalischen Berufung offensichtlich nicht sicher. So schrieb er „die merkwürdigsten Bewerbungen“, zum Beispiel an die k.k. Organisierungskommission, bei der er in „submissester Devotion“ um eine Kanzlistenstelle bat, „da er diesen Beruf schon lange in sich“ fühlen würde. Einen Stellenwechsel verknüpfte er immer wieder mit einer Rückkehrmöglichkeit zu seinem vorhergehenden Dienstherrn.

[Hans-Hubert Schönzeler, Bruckner — Leben — Charakter — Werk, zit. n. Wikipedia

Ich verbiete mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter bleiben. Fort mit den Gedanken.

[Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Fkft./M. 1985, S. 95]


So eigenartig es uns heute erscheinen mag, soll Bruckner ein begeisterter und, einigen Berichten nach, auch recht guter Tänzer gewesen sein, denn in verschiedenen Memoiren aus dem Kreise um Bruckner wird seine Vorliebe fürs Tanzen oft erwähnt.

[Hans Hubert Schönzeler, Bruckner, Wien 1970, S. 70]



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[] edmond — Le VIII Frimaire de l'an CCXXXIII

Eine Verkäuferin aus dem Supermarkt steht bei ihrer Kollegin an der Kasse, lässt sich außer Zigaretten einen Flachmann geben, sagt: «Der ist nicht für mich». Die Kollegin sagt laut: «Das interessiert mich doch nicht, Kindchen, bei mir bist Du nicht im Bewerbungsgespräch.»

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[] edmond — Le IV Frimaire de l'an CCXXXIII

15 Years

[Ein Link für Euch drei.]

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[L'apparition]

[] edmond — Le XX Vendémiaire de l'an CCXXXIII

[Auf dem Weg nachhause an einem Acker vorbei, auf dem mir schon viele Tiere begegnet sind. In Dortmund hatte ich zum Beispiel selten Hasen gesehen, hier dagegen liefen schon oft welche neben mir her oder kamen mir nachts auf leerer Straße entgegen. – Heute abend fuhr ich mit dem Fahrrad nachhause, es war dämmerig, zwei Bussarde flogen auf. Etwas weiter landete ein größerer Vogel, dessen Gefieder weiß schien, mit schwarzen Rändern an den Flügeln, auf dem Feld. Wenig später landete noch ein zweiter neben ihm. Diese schwarzen Flügelränder waren ziemlich deutlich: Es mussten Störche sein. Sie sind trotz nahendem Winter geblieben.]

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[She Brings The Rain]

[] edmond — Le XIV Thermidor de l'an CCXXXIII

Yes I care if she brings me spring

But don′t care about nothing

She brings the rain

Oh yeah she brings the rain

In the dawn of the silvery day

Clouds seem to melt away

She brings the rain

She brings the rain, it feels like spring

Magic mushrooms out of dreams

Oh yeah she brings the rain

[Can (1970), Voice: Malcolm Mooney — Ich muss manchmal daran denken, dass einige der Musiker später hier in der Nähe bei der Stollwerckbesetzung dabei waren. | Strecke zuerst gebloggt auf Mastodon ]

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[Coming home]

[] edmond — Le IV Floréal de l'an CCXXXIII

Wie an jedem letzten Arbeitstag vor einem Wochenende oder vor Feiertagen blieb die Bahn mit einer drastischen Verspätung stehen & stecken. Der Fahrer kündigte an der vorletzten Haltestelle über die Lautsprecherdurchsage an, dass es dauern könne: «Sie können sich die Beine vertreten, ich gehe eine rauchen. Ich sage Ihnen rechtzeitig, wann es weitergeht.»

Ich stieg aus, lief an der Lok vorbei, deren Tür offenstand; der junge Fahrer stand davor und unterhielt sich freundlich mit einem Passagier. Zum Glück kann ich von Deutz aus zu Fuß die Brücke gehen und dann den Rhein entlang nachhause.









Auf der Hohenzollernbrücke stauten sich die Züge. Ich hatte buchstäblich schon etwa die Hälfte meines Nachhausewegs zufuß zurück gelegt, als ich sie noch immer dort stehen sah.

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[Der Mineraloge]

[] edmond — Le II Floréal de l'an CCXXXIII

In unmittelbarer Nachbarschaft, am Kölner Ubierring, direkt an der Haltestelle Chlodwigplatz, gibt es einen Hauseingang mit Messingschild: «Doktor Ahmed. Mineraloge. Öffnungszeiten wenn anwesend» — man sieht, dass man zu dem Laden hinunter steigen muss, durch die Souterrainfenster ahnt man Tische und Regale voller Gesteine; manchmal stellt Doktor Ahmed einen riesigen Amethysten vor das Fenster, den er wahrscheinlich nicht mit bloßer Muskelkraft hochgehievt hat.

Ich bin hinuntergestiegen; eine grüne Tür, die sich oben und unten getrennt aufklappen ließ, und eine sehr leichtgängige Türklingel, die schon klingelt, während Du noch zögerst: Die untere Türhälfte abgeschlossen, die obere aufgeklappt, man konnte in den Lagerraum sehen: Gesteine, Kugeln aus Kristallglas, Versteinerungen, Schachteln über Schachteln, Werkzeuge, ein blaues Ölfaß, eine Wage. Der Inhaber, ein betagter und sehr freundlicher Herr, kam erst beim zweiten Klingeln: Man hörte seine Stimme: Moment, ich komme schon, ich bin kein D-Zug. Und als er mir öffnete: Wissen Sie überhaupt, was ein D-Zug ist?

Der Beryll ist ein glänzender, weißer und durchsichtiger Stein. Ihm wird eine zugleich konkave und konvexe Form verliehen, und wer durch ihn hindurchsieht, berührt zuvor Unsichtbares. Wenn den Augen der Vernunft ein vernunftgemäßer Beryll, der die größte und kleinste Form zugleich hat, richtig angepasst wird, wird durch seine Vermittlung der unteilbare Ursprung von allem berührt.

[Nicolai de Cusa, De beryllo. Über den Beryll, Ü: Karl Bormann, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1987, S. 5]

Ich hatte einen Beryll gesucht, weil das Buch, das ich gerade las, so hieß. Ein Beryll ist ein Edelstein, aus dem man im Mittelalter Augengläser schliff (deswegen das Wort «Brille», oder auch: «Brillant») – eventuell wird man seltener Berylle als zum Beispiel Bergkristalle verwendet haben, die weniger teuer waren. Ich wollte einen oder zwei Steine sehen, vielleicht so, wie sie draußen zu finden waren. Es gibt Kristalle in Formen, die sich mathematisch erklären lassen, und es lässt sich mathematisch beweisen, dass es manche Kristallformen nicht geben kann, — das ist ein Motiv, überhaupt einen Beryll sehen zu wollen: Warum hält sich das Entstehen von Kristallen, von Steinen, an die Mathematik?

Denn es drängt sich immer noch die Frage auf: Wieso findet sich überhaupt in der Erfahrung etwas, das die Bedingungen der [mathematischen] Axiome erfüllt, nachdem doch die Axiome willkürlich festgesetzt sind, nachdem doch ihre Wahl nicht durch die Erfahrung bestimmt wird?

[Victor Kraft, Mathematik, Logik und Erfahrung, Wien: Springer 1947, S. 4]

Natürlich habe ich Berylle, — Dr. Ahmed öffnete die Hintertür, wo eine Treppe voller ziemlich großer Gesteine in einen idyllischen Hinterhof führte. Das sind alles Berylle. Neben der Tür eine Art Kabuff mit Tisch, vielen Bildern, Fotografien, Karten, Zeichnungen, Steinen, noch der kleinste Winkel mit improvisierten Ablagen. Wir gingen zu einer Regalwand voller Pappkartons, Sehen Sie, alles Berylle, er öffnete einen Karton nach dem anderen, bot mir wiederholt einen Stuhl an, auf denen er dann aber die Pappschachteln legte, Setzen Sie sich, nehmen Sie sich Zeit, das sind alles Berylle, es gibt auch Smaragde, das sind auch Berylle, auch Aquamarine sind Berylle.

Kehren wir nun zu den Fragen zurück, die wir uns am Anfang gestellt haben: Was ist Mathematik, wovon handelt sie, was ist ihr Gegenstand?

[Egbert Brieskorn, Lineare Algebra und analytische Geometrie, Braunschweig: Vieweg 1983, S. 27]

Dr. Ahmed erklärte vieles, was ich schon nicht mehr weiß, er führe diesen Laden eigentlich nicht für den Verkauf, das sei nur nebenbei. Irgendwann kamen zwei Männer herein, die ihm bei der Arbeit zuhilfe waren. Die Steine, die er mir zeigte, Alles Berylle, waren meistens grünlich, unterschiedlich groß, oft bildeten sich aus unförmigen Stücken sechseckige Säulen heraus, als würde sich ihre Form gerade erst definieren, es war aber auch ein ganz flacher Beryll dabei, auch in sechs Ecken, wie ein Amulett, ein Talisman. (Nennt Michel Butor im Bildnis des Künstlers als junger Affe auch einen Beryll unter den genannten Edelsteinen? Nennt Stifter in den Bunten Steinen einen Beryll?) — den Mineralogen nach einem Beryll gefragt zu haben, ist wahrscheinlich so, als hätte ich in einer Bibliothek nach Büchern über die Liebe gefragt.

Δ

[Going to Work]

[] edmond — Le I Floréal de l'an CCXXXIII

[Ich habe die Ärmel meines Hemdes aufgekrempelt, wie ich es selten mache: zweimal umgeschlagen, wie die Angestellten in den Filmen, Lou Grant, Jack Lemmon, Lino Ventura. Das kam mir früher immer ein wenig vor wie die Schwimmflügel von Kindern (ich hatte sehr dünne Arme: vielleicht gehört das zum Älterwerden, dass man in Hemden hineinwächst). Inzwischen habe ich schwimmen gelernt, schwimme morgens im Gleichstrom mit anderen Angestellten, Passanten, Pendlern, die nicht mehr aussehen wie Lou Grant, Jack Lemmon, Lino Ventura, nicht mehr übernächtigt von den Geschäften der Metropole, sondern verschlafen wie ich; es begegnen sich die, die die Nacht beenden und die, die den Tag beginnen.]



[Tage der Arbeit, Tage des Festes. Dolce e chiara è la notte e senza vento (mild und klar ist die Nacht, und ohne Wind), — Leopardis Gedicht La sera del dí di festa hat mir geholfen, einen Zugang zu Leopardi zu finden, weil es mich an Abende im Dorf meiner Großeltern erinnerte: Abende, als die Städter, oder Expats wie mein Vater, zum Dorffest zurückkehrten, in ihren guten Hemden und festlichen Kleidern, in denen sie den Bruch mit der campagna vollzogen: die kurze Rückkehr von der Arbeit in der Fabrik oder im Büro — obwohl aus heutiger Sicht vielleicht erst ihre Kinder diesen Bruch vollziehen würden: die damals noch wie im Gedicht Leopardis hinter dem Fenster standen, fern vom Erwachsensein & hilflos zusehend, wie der Festtag wieder verging. Ecco è fuggito / il dí festivo, ed al festivo il giorno / volgar succede, e se ne porta il tempo / ogni umano accidente (Schon ist der Festtag vergangen, und auf den Festtag / folgt der Werktag, und die Zeit trägt alles Menschengeschehen / mit sich davon).]

[Am Anfang von «Der Maulwurf» läuft Ventura, ein Finanzier, aus seinem Büro, an der Vorzimmerdame vorbei, hinunter auf die Straße, dann auf sein Auto zu: Während er knapp in mehrere Richtungen grüßt, zieht er sich den seriösen Mantel über, der Teil ist dieses Berufergreifens, Ärmel-Hochkrempelns, Gewichtigseins, — der Sekretärin Zunicken, mehr schweigen als grüßen, ins Auto steigen. Diese Szene von Venturas Weg zum Wagen ist relativ lang: Ich stelle mir vor, wie er es als Schauspieler ausblendet, von den Kameras, dem Regisseur, den Beleuchtern, den Passanten beobachtet zu werden, während seine Figur das Gewicht der Welt und des Geschäftslebens zum Wagenschlag seines Autos führt und einsteigt.]







[Les ouvriers allant au club, tout en fumant / Leur brûle-gueule au nez des agents de police (Verlaine, La bonne chanson XVI) Mein Vater arbeitete in den siebziger Jahren als Kellner, bevor er später ein eigenes Lokal aufmachte. In den ersten Jahren trug er noch Fliege und krempelte im Kantinenraum beim Rauchen seine Ärmel auf. Er und seine Kollegen beschlossen den Feierabend damit, durch Dortmunder Nachtlokale zu ziehen, vielleicht kannten sie den Film I magliari von Francesco Rosi, über den Versuch von Italienern, in Hannover zu leben; vielleicht gingen sie auch nur ins Bahnhofskino. Irgendwann sind sie nachts spontan im Auto nach Paris gefahren, nicht nüchtern, wie in den französischen Filmen, deren Schauspieler italienische Namen hatten und aussahen wie sie. — Am nächsten Morgen streiften sie durch die Straßen der Quartiers, wo die letzten Cafés schlossen. Dann kehrten sie zurück, drei Kellner auf dem Weg zur Arbeit.]


Ah, il vecchio autobus delle sette, fermo
al capolinea di Rebibbia, tra due
baracche, un piccolo grattacielo, solo
nel sapore del gelo o dell’afa…

Ach, der alte Bus um sieben, stehend
an der Endstation Rebibbia, zwischen zwei
Baracken, einem kleinen Wolkenkratzer,
im Duft des Frosts oder der Schwüle

[Pier Paolo Pasolini, La ricchezza, in ders., La religione del mio tempo, Mailand 1961, S. 19]


[Angestellte gehen zur Arbeit, Arbeiter*innen gehen zur Arbeit, Kellner*innen kommen von der Arbeit, Portiers und Portieusen kommen von der Arbeit, Putzfrauen kommen von, Putzmänner gehen zur Arbeit, Scrummaster*innen gehen zur Arbeit, Kapitän*innen segeln zur Arbeit, Aquarist*innen schwimmen zur Arbeit, Uhrmacher*innen schauen auf die Uhr auf dem Weg zur Arbeit, Taxifahrer*innen fahren andere zur Arbeit, Finanziers und Finanzieusen fahren zur Arbeit, Schüler*innen gehen zur Schule, Student*innen gehen zur Lesung, allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaftler*innen kommen von der Arbeit, Gemüsehändler*innen gehen zur Arbeit, Qualitätsmanager*innen des Nachtlebens kommen von der Arbeit, Qualitätsfachleute des Taglebens gehen zur Arbeit, Tänzer*innen kommen von der Arbeit, Eltern bringen ihre Kinder in den Kindergarten, Rentner*innen bringen ihre Enkel in den Park, Dompröbste bringen Weihwasser in die Kirche, Clochards bringen ihre Decken an geschützte Orte, Bahnfahrer*innen lösen Kolleg*innen ab, Plakatierer*innen lösen Plakate ab, Schornsteinfeger*innen fahren zu Schornsteinen, Maurer*innen fahren zu Gemäuern, Polizeiwagen schalten die Sirenen an, Sanitätswagen schalten das Blaulicht an, Pfleger*innen der Nachtschicht schreiben in die Doku, Pfleger*innen der Frühschicht lesen die Doku, Müllleute räumen die Straßen frei für die Arbeit, Närr*innen fahren ihre Mottowagen in Stellung, Pendler*innen verpassen ihre Bahnen.]


Δ

[Love Streams]

[] edmond — Le X Nivôse de l'an CCXXXII

Zwei ältere Männer, die mir entgegenkommen, der eine mit italienischem Akzent, der andere ein Schwarzer. Ersterer spricht sehr viel, er sagt: Es geht ja auch um Würde.

*

«Ich will mich aber selbst entkleiden, meine Hände ausbreiten, wie sie ein Schwimmer ausbreitet, um über das stille fließende Waßer der Vergeßenheit zu schwimmen, oder darin unterzugehen»

[Hamann, Fliegender Brief, S. 199]

*

[Hiphop, love streams.]

*

In der Fußgängerzone eine Bettlerfamilie: einer der jungen Männer hilft der jungen Frau vor ihm, die Taschen und den Rucksack zu schultern, hebt die Gewichte vorsichtig für sie an.


Ein Herbstblatt, dass allmählich hinab auf die Straße hinabsinkt,
im einzigen Spot der Sonne.

Die Pizzeria gegenüber spielt Gino Paoli.

Einer der Säufer dieser Gegend, der sonst immer mit Gitarre um die Ecken zieht, trat im performanten Anzug aus dem Kiosk, ein hellgrauer 80/90er-Jahre-Zweireiher, Krawattenmuster aus der Sony-Walkman-Ära, Hommage an American Psycho, sehr lieb.

*

Was ist und was soll der Wahrheitsbegriff?

*

Einen Gedanken nur skizzieren, statt ihn vollständig auszuführen: Etwas eröffnen & dalassen für andere.

Ein Gesprächsfetzen, in dem schon so früh am Morgen das Wort rivoluzione vorkommt; leicht irritiert drehte ich mich um: zwei ältere Frauen, die sich vielleicht nur über Privates unterhielten, aber das Private ist politisch.

*

Meinst Du, dass die Afd Dich politisch stellen wird?

*

I’ve been wondering about
The complexity of what we have here

[The Roots, Complexity]


Random memory: Am wärmsten Tag des Sommers stiegen am Dorfbahnhof zwei Mädchen aus der Bahn, mit den gleichen schicken, knöchellangen weißen Strickjacken aus dichter Wolle. Das gemeinsame Leiden der beiden: der Hitze die Stirn bieten.


Der junge Mann im taubenblauen Anzug.


Und dann war da noch das Paar in der S-Bahn, ein Mann und eine Frau (wahrscheinlich wie ich in den besten Jahren, raten Sie mal). Sie wirkten wie irgendwas zwischen Fassbinder-Schauspielern und Leuten vielleicht der kurdischen / türkischen Gezi-Linken: Arm in Arm blickten sie gemeinsam in alle Richtungen, aufmerksam alles wahrnehmend, sie sprachen sich dabei gegenseitig begeistert auf Leute an, die sie draußen in der Stadt hatten vorbeigleiten sehen, Schau mal, das Kleid, schau mal das Kind, wiesen sich gegenseitig auf alles hin, was draußen passierte, zählten auf, wie großartig alle aussahen, so, dass wirklich nichts davon nebensächlich war.

*

didascalie (franz.): Regieanweisung,
didascalia (it.): Untertitel,
didascalia Anmerkung, Erläuterung

*

Nachdem mein Stamm-Schreibwarenladen auf der Bonner Straße geschlossen hat, bleibt hier nur noch der andere Laden, dessen etwas aufdringlicher Verkäufer sein Sortiment umgestellt hat. Als ich nach motivlosen Glückwunschkarten frage, sagt er: «Ich weiß schon, was Sie wollen, aber das bringt überhaupt kein Geld». Er hat diversifiziert: Später in seinem Schaufenster gesehen, dass er neben Schreibwaren und Lottoscheinen inzwischen auch Alkoholika verkauft, zeitweilig sogar Tassen mit Dildomotiven.

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